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Ausgerechnet
Tonie Botha: Der Cousin des ehemaligen konservativen Präsidenten P.W.
Botha hat seine Karriere als Banker in London aufgegeben, um als
erster weißer ANC-Vorsitzender für ein neues Südafrika zu kämpfen.
| Der Fußballplatz in
Thembalethu ist ein Witz. Keine Tore, kein Quadratmeter ohne Pfütze.
Sicher, es gibt wichtigere Probleme für die Leiter der Straßenkomitees
im Township. Aber daß ordentliche Sportanlagen nach wie vor nur in
der wohlhabenden weißen Nachbarstadt George zu finden sind, wollen
sie dem Gast ihres ANC-Meetings in dem Rohbau einer Kinderkrippe denn
doch gesagt haben. Ein älterer Mann spricht das ehrgeizige
Housing-Programm der Regierung an. Eine Million Häuser hat der ANC
dem Land bei der Macht-übernahme versprochen, 4300 davon allein für
die 35.000 Hüttenbewohner von Thembalethu. Aber wie sollen wir von 15
000 Rand, die wir bekommen, ein Haus bauen, wenn die Stadt die Hälfte
davon für Strom und Wasser einbehält?. |

Tonie Botha
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Der Mann aus
Kapstadt ist nicht ihre einzige Hoffnung, aber vielleicht ihre größte.
Wenn einer imstande ist, bei der 45 Kilometer entfernten Regierung von
Western Cape etwas für den kleinen Provinzort zu erreichen, dann er.
Nicht etwa, weil Tonie Botha, der Cousin des ehemaligen Präsidenten
P.W. Botha, schon lange für ihre Freiheit und dabei nicht selten
gegen seine eigene störrische Burenfamilie gekämpft hat. Auch nicht
unbedingt, weil er im idyllischen George an der malerischen Garden
Route der erste weiße ANC-Vorsitzende ganz Südafrikas war und in
dieser Zeit drei Attentate überlebt hat. Und auch nicht deswegen,
weil der ehemalige Londoner Banker, der nach den Wahlen im
Handelsministerium von Western Cape arbeitete, mit den Großen in der
Politik auf gutem Fuß zu stehen scheint. Tonie hält, was er
verspricht, sagt Kenneth Sibota über seinen Vorgänger im örtlichen
ANC-Kommitee. Er weiß, wie man kämpfen muß, und er gewinnt immer.
Auf Hoogekraal, Tonie Bothas Farm in George, scheint der Kampf
mittlerweile beendet. Anfang der 90er Jahre wehte über dem ehrwürdigen
Familiensitz, den der erste Botha 1723 am Kap baute, noch die Flagge
des ANC. Aus der weiten Umgebung kamen ganze Busladungen farbiger
Farmarbeiter und schwarzer Township-Bewohner, um inmitten der Schafe
vor der Farm in Sicherheit Meetings ihrer verbotenen Partei abzuhalten
- zum Ärger von Bothas Nachbarn, die ihm öfters die Polizei auf den
Hals hetzen. Gäste aus aller Welt - man kann sich auf dem Anwesen in
einem komfortablen Nebentrakt einmieten - rieben sich verwundert die
Augen, wenn sich mitunter waffenstarrnde Einheiten beider Seiten gegenüberstanden.
Heute ist die schwarzgrüngoldene Flagge über Hoogekraal eingeholt.
Johann, bis zu den ersten freien Wahlen noch einer von vier Leibwächtern,
die Botha rund um die die Uhr begleiteten, ist jetzt Koch auf dem großzügigen
Anwesen und serviert unter funkelnden Kronleuchtern im Kaminzimmer
gebratene Hühner.
Bothas Cousin P.W. lebt nur 20 Kilometer entfernt in Wilderness - Ein
Ort, der diesen Namen auch verdient, wie Tonie findet. Seit zehn
Jahren hat er nicht mehr mit seinem Verwandten gesprochen, der sich so
lange vergebens gegen die Veränderungen im Land sträubte. Als Tonie
Botha begann, sich für den ANC zu engagieren, verstieß ihn das
Familienoberhaupt P.W. Das alte Krokodil, wie der Unverbesserliche
noch heute im ganzen Land genannt wird, verklagte seinen ungehorsamen
Cousin beim Supreme Court und sorgte dafür, daß ihm seine Bank einen
Kredit sperrte. Ich habe öfters versucht, P.W. zu erreichen - zum
Geburtstag oder als sein Enkel gestorben ist«, meint Tonie Botha
heute. Ich bin kein Unmensch, schließlich sind wir eine Familie. Aber
er hat sich verleugnen lassen. Das einzige, was er heute van seinem
Cousin P.W. weiß, hat er von Mandela erfahren, der nach seiner
Haftentlassung auch den ehemaligen Präsidenten und Gegner besuchte.
Warum ist ein Mann wie Tonie Botha Mitte der 80er Jahre, zur Hochzeit
der Apartheid, überhaupt nach Südafrika zurückgekehrt und gab dafür
immerhin einen lukrativen Job im Londoner Bankvorstand bei Hill Samuel
auf? ich war nur ein Banker, und hier gibt es so viel zu tun.
Helfersyndrom oder vielleicht ein schlechtes Gewissen wegen seines
Names? Nein, ich fühle mich einfach nur wohl unter meinen Leuten.
Niemand kann seine Herkunft verleugnen. Ich habe in meinem Leben mehr
arme Menschen glücklich erlebt als reiche, lautet die Antwort des 53jährigen.Afrika
ist kein schwarzes Märchen, das auf Retter aus Europa wartet, die das
Land irgendwann doch nur wieder ausbeuten.
Natürlich gab es anfangs Ressentiments wegen Tonies Familiennamen,
erzählt Kenneth, der als ein Chief der Xhosa für Bothas Nachfolge im
ANC-Ortsvorstand geradezu prädestiniert war. Jetzt vertrauen ihm
alle. Bei den Parlamentswahlen 1994 erzielte der Anc in Thembalethu
unter Bothas Führung mit 80 Prozent eines der besten Ergebnisse im
Land. Bei den jüngsten Kommunalwahhlen war George einer der wenigen
Landkreise van Western Cape, in dem der ANC seine absolute Mehrheit
verteidigen konnte. Dabei hat Tonie niemals Propaganda für sich
gemacht. Der 45jährige Kenneth kennt Botha schon lange. Einmal
entgingen die gemeinsam einem Attentat. Das war 1993, während der
Unrunhen, die nach dem Mord an Chris Hani, dem früheren Chef der
Guerilla-truppen, im Land ausbrachen. In Thembalethu wurde der
Lebensmittelladen von Kenneth niedergebrannt. Ihr Leben verdanken
Tonie und Kenneth nur dem Ungeschick ihrer offensichtlich
aangetrunkenen Verfolger, deren Auto verunglückte - vollbeladen mit
MPs.
Daßdie Polizei der Auftraggeber dieses Attentats war, erfuhren die
beiden erst 1996. Einer der Polizisten gestand vor der Truth and
Reconciliation Commission, die bis heute in jeder Provinz die Wahrheit
über die dunkle Vergangenheit Südafrikas herauszufinden versucht.
Jeder, der dort ein umfassendes Geständnis ablegt, erhält Amnestie -
einer von vielen Kompromissen, die Mandela für den Frieden einging.
Kenneth zeight uns am späten Abend das Township. Kurz darauf fahren
wir in seinem neuen Mercedes durch ein weißes Viertel von George, als
Ken plötzlich aufs Gas steigt und ruft: Alles in Deckung, hier schießen
sie noch auf Schwarze. Unsere beunruhigten Blicke im Rückspiegel
lassen ihn in schallendes Gelächter ausbrechen.
Warum ist den Menschen in Südafrika das Lachen noch nicht vergangen?
Die Versöhnung von Schwarz und Weiß, da ist sich die Welt doch
sichter, ist ein Experiment, das schon bald endgültig scheitern wird.
Besserwisserischer Bullshit, sagt Botha, wann immer er das europäische
Bild vom naiven Südafrika herauszuhören glaubt. Vergiß deine
Klischees von Weiß und Schwarz, von gut und Böse. Du bist hier in
Afrika, und das Herz von Afrika ist die Religion des ‘Ubuntu’.
Ubuntu - das große Wort aus der Sprache der Zulu ist kaum zu übersetzen,
aber im Grunde bedeutet es das genaue Gegenteil eines überbetonten
westlichen Individualismus: Liebe, Respekt, Gastfreundschaft,
Gemeinschaft. Ubuntu, erklärte Desmond Tutu einmal, ist das Wissen,
daß das eigene Menschsein immer von Menschsein des anderen abhängig
ist.
Das Geheimnis Afrikas, sagt Botha, liege in diesem Zusammengehörigkeitsgefühl.
Auch in der Politik war es unsere Stärke, daß wir immer alle
eingebunden haben - von den Rechtsextremen über De Klerk bis hin zu
den Kommunisten - letztlich sogar einen Verrückten wie Buthelezi. Wer
nur verklärt das romantische Idyll des schwarzen Kontinents oder auch
nur das Wunder Mandela bestaunt, wird den Geist, der Afrika beseedt,
niemals verstehen. Nicht der einzelne, die Mannschaft ist der Star,
meint der Mann, der sich oft nicht anmerken läßt, daß er über zehn
Jahre in London gelebt hat. Afrika ist kein schwarzes Märchen, das
auf sentimentale Retter aus Europa wartet, die das Land nach ein paar
exotischen Momenten doch nur wieder ausbeuten. Und Südafrika kein
Land, das sich von seinen ehemaligen Kolonialisten belehren läßt,
wie es Frieden und Freiheit findet. Eine Welt, die dem Blutbad in
Bosnien ohnmächtig zugesehen hat, kann von Südafrika eine ganze
Menge lernen, sagt der stolze Bure in Botha. Der Whisky in seinem Glas
ist in diesem Augenblick offensichtlich die einzige europäische
Errungenschaft, die er zu schätzen weiß.
Am nächsten Tag triffr Tonie in einer kleinen Schule einige
Farmarbeiter. Auf Afrikaans schimpft eine alte Frau über ihren
Farmer, der sie aus ihrem Haus vertreiben will. 43 Jahre arbeite ich für
ihn. Ein alter Mann erzählt, daß ihm sein Vermieter einfrach das
Wasser abgestellt hat, damit er endlich auszieht. Seit drei
Generationen hat seine Familie den Grund gepachtet. Südafrikas
Landwirtschaft rechnet sich nicht mehr, und ohne Arbeiter auf ihrem
Land erzielen die Besitzer beim Verkauf an Anleger oder europäische
Winter-Touristen einen höheren Preis. 70 Prozent des Privatgrunds in
Südafrika sind immer noch in der Hand von nur drei Prozent der Bevölkerung.
Botha, in George selbst Großgrundbesitzer, will Teile des Landes
seinen Arbeitern verkaufen: Ich arbeite nicht darauf, mir sollte es
nicht gehören. Daß sein Beispiel sicher nicht Schule machen wird,
weiß er selbst nur allzu gut. Am Endes des Treffens umarmen und küssen
ihn einige Frauen. Ubuntu. Botha weicht im ersten Moment zurück. Zu
viel Herzlichkeit in Anwesenheit des Fotografen? Schließlich
kapituliert er dann dochl lachend vor den kreischenden Frauen.
Niemand hat etwas gegen Wohlstand. Die Tatas, die Stammesältesten,
schon gar nicht, erzählt Tonie auf der Rückfahrt nach Kapstadt. Wir
müssen nur den Mißbrauch einschränken. Deshalb het der gelernte
Wirtschaftsmanager sich auch vorerst aus der Politik zurückgezogen
und - auf Bitte der Regierung, wie er sagt - mit BIMCO ein Unternehmen
gegründet, das dem Handel mit dem Ausland auf die Beine helfen wird.
Kapstadt soll wieder das werden, was es eigentlich immer schon war:
ein internationaler Handelsstützpunkt - aber diesmal nach
afrikanichen Regeln.
Tonies Büro liegt in Oranjezicht, einem der vornehmeren und ruhigeren
Viertel Kapstadts. Ein Sicherheitsdienst rund um die Uhr ist
allerdings auch hier nötig. Im ersten Stock hat Tonie ein eher
provisorisches Quartier für die wenigen verbleibenden Tage zwischen
den Auslandsreisen eingerichtet. Über dem Computer hängt ein
Wahlkampfplakat von Chris Hani, ganz hinten, im Bücherregal
versteckt, steht ein Foto George Bushs. Die Widmung stammt aus der
Zeit, als Tonie noch für den amerikanischen Kongreß arbeitete.
Bothas Kontakte sind das Kapital der Firma. Ihre Rendite soll eines
schönen Tages ein wirklich freies Südafrika sein.
Bei einem Abendessen stellt er uns seine Freunde vor. Das gehört sich
so bei uns. Voozie, der zehn Jahre lang unter anderem in der DDR und
in Angola im Exil war und dort eine militärische Ausbildung als
ANC-Kader absolvierte. Nach seiner Rückkehr war er erst der Chef von
Bothas Bodyguards. Heute weist er in Pretoria neue
Parlamentsabgeordnete in die Spielregeln der Demokratie ein und hat -
zumindest für einen ausgebildeten Soldaten - einen ziemlich sanften Händedruck.
Der Mann, der sich uns als whiskytrinkender Moslem vorstellt, heißt
Siraj Desai. Sein Name ging in den 80er Jahren um die Welt, als er
eines der absurdesten Apartheidsgesetze aushebeln konnte: das der
White Beaches, das Farbige am Betreten der schönsten Strände am Cap
hinderte. Der farbige Anwalt fand bei einer Verteidigung eine
verstaubte Verordnung, die den Strand rechtlich auf den kleinen
Sandstreifenzwischen Flut und Ebbe begrenzte. Ein wutentbrannter P.W.
Botha mußte bald darauf die rigide Verfolgung des Gesetzes ganz
aufgeben. Inzwischen arbeitet Siraj Desai als einer von erst drei
farbigen Richtern am Supreme Court van Kapstadt. 23 seiner Kollegen
sind immer noch vom alten Apartheidsregime berufen. Schließlich
lernen wir auch Tony Ruiters kennen. Als Chef des
Wirtschaftsdepartments ist er für die Durchführung und Finanzierung
des Housing-Programms in Western Cape zuständig. Er ist gekommen,
obwohl in der Nacht zuvor sein Onkel, bei dem er aufgewachsen ist,
umgebracht wurde: Raubmord wegen eines einzigen Fernsehers.
Bei uns sind die Straßen niemals leer. Man trifft immer auf einen
Nachbarn, mit dem man reden kann. Das ist Ubuntu.
Tonie Botha glaubt an ein mögliches Wunder am Kap. Niemals würde er
sich erlauben, ernsthaft daran zu zweifeln. Wir wollen keine Geschenke
oder guten Ratschläge aus dem Ausland. Wir brauchen Partner, die an
diesesLand glauben. Botha meint Partner wie den Deutschen Hans Prykop.
Der Manager von Daimler-Benz ist bei Tonies Unternehmen eingestiegen.
Auch für ihn bedeutete Südafrika scheinbar eine Liebe auf den ersten
Blick. Wenn Europa wieder nur seine Geschäfte im Sinn hat und nicht
bereit ist zu lernen, was Ubuntu und echte Partnerschaft bedeuten,
sagt der Anwalt Mark Jasson, ein weiterer van Tonies Partnern, werden
wir den Weg eben ohne euch gehen. Nachts verabschiedet uns Mark. Als
er auf die europäisch anmutenden Häuser in der leeren Straße
blickt, die genauso gut in Amsterdam oder London stehen könnten, erzählt
er von dem Farbigen-Viertel, indem er groß geworden ist. Bei uns zu
Hause sind die Straßen niemals leer. Man trifft immer einen Nachbarn,
der kommt und fragt: Wie geht es Ihnen, was macht die Familie? Das ist
Ubuntu.
Pragmatischer Optimismus: Tonie Botha glaubt an eine Zukunft nach
afrikanischen Regeln
Heutzutage können auch Touristen hier wohnen: Hoogekraal, Stammsitz
der Bothas am Kap
Küßchen für einen in vielen Kämpfen Erprobten: Die
Farmarbeiterfrauen kennen keine Berührungsängste
Gipfeltreffen im Township: Tonie Botha mit Kenneth Sibota, dem
derzeitigen ANC-Vorsitzenden
Magazine: Abenteuer & Reisen
Author: Lars Reichardt |